Beleuchtungskriterien

Aus den Erfahrungen der Lichtgestalter, die Beleuchtung nicht nur zu planen und zu berechnen, sondern im Kontext mit dem Raum auch zu gestalten, ergeben sich erweiterte Kriterien des Begriffes „Gute Beleuchtung''. William Lam, ein amerikanischer Lichtplaner und Autor zweier wegweisender Bücher über Lichtdesign („Perception and lighting as formgivers for architecture” und „Sunlighting as formgiver for architecture”),  unterscheidet in den 1970er Jahren folgende Kriterien:

Funktionale Kriterien (activity needs) beschreiben die Eigenschaften der Sehaufgabe, die von deren Ort, Art und Häufigkeit abhängig sind und die das erforderliche Beleuchtungsniveau und weitere klassische Gütemerkmale der Beleuchtung aufgrund der Physiologie des Sehens bestimmen. Hier sind die quantitativen Gütemerkmale der „funktionellen'' Beleuchtung angesiedelt, wie sie in Normen geregelt sind.

Emotionelle Kriterien (biological needs) beschreiben die psychologischen, meist sogar unbewussten und emotionellen Wirkungen der Beleuchtung. Die Überschaubarkeit des Raumes, z. B. durch Licht klar strukturierte Raumformen, die Verständlichkeit des Raumes ohne falsche Schatten, die Übersicht der Raumsituation, z. B. durch klare Orientierung über Wege und Ausgänge und Möblierung, sind hier die individuellen Bewertungen hinsichtlich des Wohlbefindens im Raum.

Während die funktionalen Kriterien nur in Zeiten höchster visueller Konzentration wirken, ist die visuelle Aufmerksamkeit in der überwiegenden Zeit auf die Beobachtung bzw. Wahrnehmung der Umgebung ausgerichtet. Veränderungen werden sofort wahrgenommen, Reaktionen erfolgen umgehend. Der Informationsaustausch mit der Umgebung, also die Kommunikation mit dem Raum, den Menschen und den Geschehnissen, hängt wesentlich von der Beleuchtung ab. Verwirrende, nicht leicht zu erkennende Änderungen des Umgebungsbereiches durch nicht klar gegliederte visuelle Führungen können Unbehagen hervorrufen. Beispiel: Lichtüberflutete Flughäfen können zur Orientierungslosigkeit führen. Eine Überkommunikation wird auch als störend empfunden. Eine gewisse Privatheit, wozu Lichtinseln beitragen können, fördert die gute Beurteilung von Raum und Beleuchtung.

Ästhetische Kriterien (architectural needs) unterstützen die architektonische Wirkung und die Wahrnehmung des Raumes und seiner Strukturelemente durch Licht und Leuchten. Licht hilft den Raum zu strukturieren – verleiht ihm die Architektur. Leuchten sind entweder gut sichtbarer Bestandteil dieser Architektur oder sind – je nach gewünschtem Erscheinungsbild – möglichst unauffällig in die Raumelemente integriert.

Wir nehmen Räume nur durch Licht wahr. Raum und Licht sind untrennbar miteinander verknüpft. Die klassische Lichttechnik beschreibt das Licht in Bezug auf die Sehaufgabe und lässt dabei weitestgehend den Raum außer Acht. Gute Beleuchtungsanlagen beschränken sich also nicht nur auf die Erfüllung physiologischer Sehaufgaben, sondern liefern ein Umfeld, in dem sich der Nutzer in dem Raum wohlfühlt und zwar bei der Tätigkeit, für den der Raum bestimmt ist: festlich, feierlich, intim, wohnlich, wertvoll, sachlich.

Abbildung 3.2: Erwartungen des Nutzers im Hinblick auf hohe Akzeptanz von Raum und Licht

Eine andere, aber in die gleiche Richtung führende Lichtplanung im weiteren Sinne geht von den human needs, der Erwartungshaltung, den Wünschen aus. Hier ist zu berücksichtigen, dass

  • die Beleuchtung eine räumliche und zeitliche Orientierung im Raum ermöglichen muss. Dabei sind Kultur, Gesellschaft und Erziehung des Nutzers wesentliche Einflussgrößen hinsichtlich der Erwartungen und Bewertungen, die durch die Funktionalität, Ästhetik, Ergonomie und Beleuchtung des Raumes und seiner Ausstattung (z. B. der Möblierung) bestimmt werden. Der Tageslichtkontakt schafft Orientierung, z. B. in Bezug auf die Außenwelt und zum Wetter.

  • Räume eine ungestörte Kommunikation ermöglichen müssen; mit anderen Menschen, mit dem Raum und mit der Außenwelt, was den Tageslichtkontakt erfordert. Man muss sich auch von überhäufenden visuellen Kommunikationseinflüssen lösen können, um sich z. B. auf schwierigere Aufgaben oder Denkprozesse zu konzentrieren. Die Privatheit anstelle Kollektivismus am Arbeitsplatz kann für viele zu einem wesentlichen Motivator werden.

  • Raum und Beleuchtung so gestaltet sein müssen, dass die Außenwelt, der Raum, die Ein- und Ausgänge sowie die Aktivitäten anderer gut beobachtet werden können. Information und Aufklärung schaffen Vertrautheit. Repräsentation, Wahrung des Selbstwertgefühls und Motivation werden wesentlich durch entsprechend gestaltete Räume gefördert.

  • Räume mit ihrer Beleuchtung statt Monotonie Abwechslungen und Emotionen und ggf. sogar Überraschungen bieten müssen.

Im Rahmen dieser Schrift, die sich mit den wesentlichen Inhalten der Beleuchtungspraxis beschäftigt, können die emotionellen und gestalterischen Kriterien der Beleuchtung – trotz ihrer Wichtigkeit – nur am Rande angesprochen werden. Grundsätzlich lässt sich jedoch feststellen, dass gute Beleuchtung

  • die Sehleistung und damit sicheres und schnelles Erkennen wichtiger Details der Arbeitsaufgabe, auch möglicher Gefahren aus der Umgebung, fördert und gesetzlich festgelegter Bestandteil des Arbeitsschutzes ist,

  • den Sehkomfort erhöht, die Arbeitsqualität verbessert, die Fehlerhäufigkeit verringert, vorzeitige Ermüdung vermindert und Voraussetzung für menschengerechte Arbeitsbedingungen ist,

  • das visuelle Ambiente eines Raumes gestaltet, die Innenarchitektur und die optische Kommunikation mit der Arbeits- und Erlebniswelt fördert, Motivation und Wohlbefinden unterstützt und die Leistungsbereitschaft aktiviert,

  • die Akzeptanz der Arbeit erhöht, die aufgrund neuer Technologien vom Mitarbeiter eine flexible Anpassung an veränderte Bedingungen verlangt,

  • durch Gütemerkmale gekennzeichnet ist, die in Normen, Empfehlungen und den europäischen Richtlinien des Arbeits- und Gesundheitsschutzes (siehe auch Kapitel ) beschrieben sind und

  • bei qualitativer Planung auch wirtschaftlich realisierbar ist.