Regelwerke

Abbildung 3.1:

Die CEN-Staaten in Europa1

Licht ist - unter anderem - Voraussetzung für das Sehen. Und das Sehen ist für die überwiegende Menschheit dominierender Teil ihrer Wahrnehmung. Schon deshalb ist die Antwort auf die Frage, was gutes Licht sei, so vielfältig wie die Situationen der individuellen Wahrnehmung und Erfahrung.

Will man die Qualität des Lichtes jedoch in Bezug auf einen bestimmten Aspekt der Wahrnehmung beurteilen, kann man die Kriterien der Bewertung eingrenzen. Standardsituationen können herangezogen werden, um Einflüsse des Lichtes auf genau diesen Aspekt der Wahrnehmung zu bestimmen. Die als relevant identifizierten Kriterien können als quantitative und qualitative Gütemerkmale der Beleuchtung in Regelwerke eingehen.

Für die künstliche Beleuchtung stehen uns heute für unterschiedliche Anwendungen umfangreiche Regelwerke zur Verfügung, die neben der Definition der Gütemerkmale auch deren Zahlenwerte angeben, die als Grenzwerte zur Wahrung einer erforderlichen Mindestqualität der Beleuchtung zu betrachten sind.

EU-Standards

Die europäischen Normen der Beleuchtung definieren Grundbegriffe, Grundgrößen und Messvorschriften der Beleuchtung, sowie die Gütemerkmale in Bezug auf die Erfüllung von Sehaufgaben. Für Bereiche mit ähnlichen Sehaufgaben sind in der Regel vergleichbare Mindestanforderungen festgelegt. Diese gelten in Europa einheitlich.Alle wichtigen Bereiche der künstlichen Beleuchtung sind erfasst. wie z. B. durch die Normen

  • zu grundlegenden Begriffen und Kriterien für die Beleuchtung EN 12665 (Ausgabe von 2016) sowie

  • zur Messung und Darstellung photometrischer Daten von Lampen und Leuchten EN 13032 (Teile 1 bis 4)

  • zur Messung und Darstellung von elektrischen, photometrischen und farbmetrischen Größen von LED-Lampen, -Modulen, -Light-Engines und -Leuchten beim Betrieb mit Wechsel- oder Gleichspannung EN 13032-4 (Ausgabe von 2015).

  • zur Beleuchtung von Arbeitsstätten in Innenräumen EN 12464-1 (überarbeitete Ausgabe von 2011)

  • zur Beleuchtung von Arbeitsplätzen im Freien EN 12464-2 (überarbeitete Ausgabe von 2014)

  • zur Sportstättenbeleuchtung EN 12193 (überarbeitete Ausgabe von 2008)

  • zur Notbeleuchtung EN 1838 (Ausgabe von 2013)

Die Norm EN 12464-1 „Licht und Beleuchtung – Beleuchtung von Arbeitsstätten in Innenräumen” wird dabei z. B.

  • in Deutschland unter DIN EN 12464-1

  • in Österreich unter ÖNORM EN 12464-1

  • in Großbritannien unter BS EN 12464-1

  • in Frankreich unter AF EN 12464-1

  • in der Schweiz unter SN EN 12464-1 und

  • in den Niederlanden als NEN EN 12464-1

als nationale Norm veröffentlicht.

Wegen der für die CEN-Staaten geltenden Übernahmeverpflichtung ist im Folgenden nur von EN-Normen und nicht von deren nationalen Umsetzungen die Rede (siehe auch Kapitel, „Anhang” im Absatz „Normen”). Weitere nationale Normen können im Einzelfall zusätzlich zu berücksichtigen sein. Sie dürfen geltenden europäischen Normen jedoch in keinem Punkt widersprechen, sondern diese nur ergänzen.

Alle Aussagen über die Beleuchtung von Arbeitsstätten und Sportstätten beziehen sich in diesem Buch vornehmlich auf die oben genannten europäischen Normen. In den anwendungsspezifischen Kapiteln wird ggf. auf die wichtigsten zusätzlichen Bestimmungen hingewiesen.

Europäische Norm EN 12464-1

Die Norm EN 12464-1 repräsentiert den aktuellen Stand der Entwicklung im Bereich der Beleuchtung von Arbeitsstätten. Hier sind neben der erforderlichen Beleuchtungsstärke weitere quantitative und qualitative Gütemerkmale der Beleuchtung einbezogen. Diese sind auf das Bedürfnis der Menschen

  • nach Sehkomfort, der das Wohlbefinden und die Leistungsbereitschaft fördert,

  • nach Sehleistung, die auch unter schweren Bedingungen die Ausführung der Sehaufgabe erlaubt und

  • nach Sicherheit und Unversehrtheit ausgerichtet.

Die wichtigsten Gütemerkmale der Beleuchtung sind:

  • Beleuchtungsstärke

  • Leuchtdichteverteilung

  • Direkt- und Reflex-Blendung

  • Lichtrichtung

  • Lichtfarbe und Farbwiedergabe

  • Flimmern

  • Verfügbarkeit von Tageslicht

  • Variabilität des Lichts in Niveau, Farbe und Verteilung (siehe Kapitel "Human Centric Lighting").

Die Norm enthält detaillierte Angaben zu den in spezifischen Anwendungen erforderlichen Gütekriterien. Konkrete, in Zahlen ausgedrückte Anforderungen schaffen dabei hohe Planungssicherheit.

Die Einhaltung der Mindestwerte ist Voraussetzung für die Erfüllung der Sehaufgabe. Nur bei Beachtung aller Gütemerkmale kann eine Beleuchtungsanlage den gestellten Anforderungen genügen. Je nach Art und Schwierigkeit der Sehaufgabe bzw. je nach Raumart kann dem einen oder anderen Gütekriterium eine höhere Priorität zugebilligt werden.

Für die Beleuchtungsstärke sind im derzeitigen Entwurf zur Aktualisierung der EN 12464-1 neben einem Mindestwert Em,r auch ein weiterer, höherer Wert Em,u je Anwendung angegeben. Dieser Wert wird für die Planung und Installation der Beleuchtungsanlage empfohlen, um ggf. auch erhöhten Sehanforderungen oder der verringerten Sehleistung eines Nutzers höheren Alters begegnen zu können. In dem Zusammenhang wird eine Dimmbarkeit der Beleuchtung empfohlen, bzw. ein Lichtmanagement, mit dem das erhöhte Lichtniveau bei Bedarf aufgerufen werden und ansonsten ein eine Energie sparender Betrieb sichergestellt werden kann. Eine solche Installation ist auch im Sinne des “Human Centric Lighting” empfehlenswert (siehe auch Kapitel  “Human Centric Lighting (HCL)”).

Abbildung 3.2:

Die Gütemerkmale der Beleuchtung von Arbeitsstätten nach EN 12464-1

Europäische Harmonisierung

Normung

Nationale Normen abzubauen und eine umfassende europäische Normung aufzubauen ist das Ziel der europäischen Harmonisierung der Normung, die für die Beleuchtung weitgehend umgesetzt ist.

Einheitliche Anforderungen bestehen in Europa z. B. für die Beleuchtung von:

 

  • Büros (siehe Kapitel),

  • Unterrichtsstätten (siehe Kapitel),

  • industriellen und handwerklichen Arbeitsplätzen (siehe Kapitel),

  • Krankenhäusern (siehe Kapitel),

  • Verkehrsbereichen (siehe Kapitel).

 

Die erste Ausgabe der EN 12464-1 ist im Jahr 2003 erschienen und 2011 als überarbeitete Version verabschiedet worden. Eine weitere Aktualisierung ist derzeit in der Abstimmung und soll noch in 2020 veröffentlicht werden (siehe oben).

Arbeitsschutz

Neben den Normen, die den allgemein anerkannten Stand der Technik repräsentieren, mussten in Europa auch die Richtlinien 89/654/EWG und 92/58/EWG über Mindestvorschriften über den Sicherheits- und Gesundheitsschutz in Arbeitsstätten bzw. am Arbeitsplatz in nationales Recht umgesetzt werden. In Deutschland erfolgte dies durch die Arbeitsstättenverordnung – (ArbStättV vom 24.8.2004, Einzelheiten siehe Kapitel „Licht und Arbeitsschutz”). Ein wesentliches Hilfsmittel für die praktische Umsetzung der ArbStättV sind die Technischen Regeln für Arbeitsstätten ASR (früher als Arbeitsstätten-Richtlinien ASR bezeichnet). Für die Beleuchtung sind im April 2011 die Technischen Regeln für Arbeitsstätten ASR A3.4 „Beleuchtung“ und im Juni 2011 die ASR A3.4/3 „Sicherheitsbeleuchtung, optische Sicherheitsleitsysteme“ erschienen, welche die bis dahin gültigen Arbeitsstätten-Richtlinien ablösten.

Im Verhältnis zu den Beleuchtungsnormen, die sich auf die Erfüllung der Sehaufgabe beziehen, definieren die Technischen Regeln für Arbeitsstätten die Erfordernisse der Arbeitssicherheit und des Gesundheitsschutzes. In vielen Fällen sind die gefundenen Mindestanforderungen identisch, in Einzelfällen unterscheiden sie sich jedoch.

Auf etwaige Abweichungen bzgl. der Festlegungen der Gütemerkmale wird im Folgenden hingewiesen. Die sich ergebenden praktischen Anforderungen werden in den anwendungsspezifischen Kapiteln behandelt.

Internationale Norm

Die internationale Norm ISO 8995-1 „Lighting of work places – Part 1: Indoor“ (Ausgabe von 2002) behandelt ebenfalls die Beleuchtung von Arbeitsstätten in Innenräumen. Sie ist von der Internationalen Beleuchtungskommission (CIE) als CIE-Standard S 008/E in englischer Sprache erarbeitet und der International Organisation for Standardisation (ISO) als Entwurf für einen ISO-Standard zur Verfügung gestellt und dort veröffentlicht worden.

Im Vergleich zur europäischen Norm EN 12464-1 enthält sie jedoch weit weniger detaillierte Angaben zu den in spezifischen Anwendungen erforderlichen Gütekriterien der Beleuchtung. Konkrete Zahlenwerte für lichttechnische Anforderungen werden nicht gegeben.

Es besteht keine Übernahmeverpflichtung von ISO-Normen als nationale Normen.

Weitere Regelwerke

Neben den in europäischen und nationalen Normen und Regelwerken, den EU-Richtlinien bzw. deren national umgesetzten Rechtsvorschriften enthalten auch die Empfehlungen der Lichttechnischen Gesellschaften der Länder (siehe auch Kapitel Anhang) Hinweise für die Planung der Beleuchtung, so z. B.

  • in Deutschland von der Deutschen Lichttechnischen Gesellschaft e.V. (LiTG)

  • in Frankreich von der Association Française de l’Eclairage (AFE)

  • in Großbritannien der Code for Lighting von der Society of Light and Lighting (SLL), einem Teil von The Chartered Institution of Building Services Engineers (CIBSE)

  • in Österreich von der Lichttechnischen Gesellschaft Österreichs (LTG)

  • in der Schweiz von der Schweizerischen Lichtgesellschaft (SLG)

  • in den Niederlanden von der Nederlandse Stichting voor Verlichtingskunde (NSvV) und

  • in Italien von der Assoziazione Italiana di Illuminazione (AIDI).

 

 

1CEN steht für Comité Européen de Normalisation (europäisches Normenkomitee). CEN-Mitglieder sind gegenwärtig die nationalen Normungsinstitute von Belgien, Bulgarien, Dänemark, Deutschland, Estland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Irland, Island, Italien, Kroatien, Lettland, Litauen, Luxemburg, Malta, den Niederlanden, Norwegen, Österreich, Polen, Portugal, Rumänien, Schweden, der Schweiz, Slowakei, Slowenien, Spanien, der Tschechischen Republik, der Türkei, Ungarn, dem Vereinigten Königreich von Großbritannien und von Zypern.