Beleuchtung von Büros und Räumen mit Bildschirmarbeitsplätzen

Digitalisierung und Globalisierung beeinflussen zunehmend unsere Arbeitswelt (siehe auch Kapitel “Beleuchtung industrieller und handwerklicher Arbeitsstätten”). Mobile Endgeräte versetzen uns in die Lage, jederzeit an jedem Ort - mit immer weniger werdenden Ausnahmen - auf alle Informationen zuzugreifen, die wir in eigenen Netzwerken hinterlegt haben oder in öffentlichen Netzwerken zugänglich sind. Die Mobilität der Daten macht uns weitgehend unabhängig von räumlichen und zeitlichen Einschränkungen, unsere Arbeit zu verrichten.

Dennoch ist der Ort, an dem wir arbeiten, ein wichtiger Faktor, der unsere Motivation, unsere Leistungsfähigkeit und unser Wohlbefinden nachhaltig beeinflusst. Die Wirkung des Raumes mit allen seinen Aspekten, den Voraussetzungen und Folgen, unterstützt oder beeinträchtigt uns als Nutzer in unserer Ruhe, Wachheit, Entspanntheit, Konzentrationsfähigkeit und Kreativität.

Die passende Wahl der Büroform (siehe Abschnitt „Raumarten”) und der Ausstattung hängt im Idealfall von der Person des Nutzers und seinen Aufgaben ab. Die Realität hingegen sieht heute meistens anders aus. Der dynamische Wandel vieler Arbeitsabläufe und organisatorischer Strukturen - vielfach resultierend aus technischen Innovationen der Arbeitsmittel - lässt eine auf Personen und Aufgaben bezogene Optimierung jeglicher Arbeitsplätze absurd erscheinen. Als Reaktion darauf ist bzgl. der Nutzung eine weitgehende Flexibilisierung und Multifunktionalität der Büroausstattung gefordert, die anstelle der Individualität heute die Individualisierbarkeit stellt.

Daraus ergeben sich wesentliche Herausforderungen an Architekten, Bauherren, Ergonomen, Bürogestalter, Fachleute der Haustechnik und auch an die Lichttechniker. Insbesondere die Ergonomie des Arbeitsplatzes, sowie die Gestaltung des Arbeitsraumes, für die die Beleuchtung eine zunehmend zentrale Rolle spielt, müssen die oben genannte Dynamik aufnehmen und eine breite Akzeptanz finden.

Hilfreich dabei sind medizinische und wissenschaftliche Erkenntnisse sowie die technischen Innovationen der jüngeren Vergangenheit, die es ermöglichen, Lichtqualität unter erweiterten Gesichtspunkten neu zu definieren und ökonomisch sinnvoll umzusetzen. So ist es heute z. B. möglich, mit verfügbaren Systemen aus geeigneten Steuerungskomponenten und modernen LED-Leuchten den Tagesverlauf des natürlichen Lichtes nachzubilden. Dies ist ein wichtiger Aspekt des sogenannten „Human Centric Lightng” (sie auch Kapitel), das auch im sich wandelnden Büro zunehmend Einsatz findet. Ein Beispiel dazu ist im Absatz  „Sanierungsbeispiele” im Wirtschaftlichkeits- Kapitel zu finden.

Viele der im Folgenden beschriebenen Aspekte für den Büroraum lassen sich weitgehend, wie im vorangegangenen Kapitel schon mit Beispielen belegt, auf mit Bildschirmen ausgestattete Arbeitsbereiche in beliebigen Arbeitsstätten übertragen.

Coworking und New Work

Die steigende Komplexität der Arbeitswelt führt dazu, dass immer mehr Experten in den Bereichen Beratung, Training, Service und Support ihre Dienstleistungen vor Ort beim Anwender erbringen, wenn Maschinen, Software, Hardware oder sonstige technische Systeme zu betreuen sind. Sind dieses Ausnahmesituationen, so können kleine dringliche Aufgaben heute vielfach unterwegs im Auto, im Zug oder in einem Café erledigt werden. Für größere Aufgaben mit längeren Bearbeitungsphasen reicht es jedoch nicht aus, die mobilen Arbeitsmittel bei sich zu haben. Die Leistungsfähigkeit, die an einem adäquat ausgestatteten Arbeitsplatz über den Tag gegeben ist, kann unter den Bedingungen unterwegs immer nur kurzfristig und eingeschränkt erreicht werden.

Abhilfe schaffen heute vielfach so genannte „Coworking Spaces”. Größere Unternehmen unterhalten sie in den Räumen ihrer Geschäftsstellen, um Gästen und aus anderen Regionen angereisten Kollegen einen temporären Arbeitsplatz mit dazugehöriger Infrastruktur anbieten zu können. In größeren Städten werden Coworking Spaces häufig in Büro-Etagen oder Büro-Gebäuden in der Nähe von Verkehrsknotenpunkten (Flughafen, Bahnhof) von kommerziellen Anbietern zur Miete angeboten. Auch Startups und Projektgruppen, denen kein eigenes Büro zur Verfügung steht, nutzen die bereitgestellte Infrastruktur.

Standen anfangs noch Treffpunkte für kreative Meetings im Vordergrund des Coworking-Trends, so haben die angebotenen Räumlichkeiten heute immer deutlicher den Charakter temporär mietbarer Arbeitsstätten angenommen, an die entsprechende Anforderungen gestellt werden. Insbesondere die Regelungen des Arbeitsschutzes sind zu beachten, die für die Beleuchtung im Wesentlichen in derRegel für Arbeitsstätten ASR A3.4 formuliert sind.

Prädestiniert für die Nutzung als Cowork Spaces ist die Form des Kombibüros (siehe unten, Abschnitt „Büroraumarten”). Dort kann der für den aktuellen Termin geeignetste Bereich reserviert bzw. gemietet werden. Darüber hinaus zeichnen sich hochwertige Coworking Arbeitsplätze dadurch aus, dass sie sich den Individuellen Bedürfnissen der Nutzer anpassen lassen. Arbeitszonale Beleuchtungssysteme mit modernen Steuerungssystemen können einen wichtigen Beitrag dazu leisten (siehe unten, Abschnitt „Beleuchtungskonzepte”).

Abbildung 3.98:

New Work Office - Allgemeinbeleuchtung und arbeitszonale Beleuchtung mit zweikomponentiger Tischleuchte Bicult:
Im New Work Office stehen Einzel- und Gruppenarbeitsplätze sowie Kabinen zur Verfügung, die je nach aktueller Aufgabe für Einzelarbeit, ein Arbeits-Meeting oder für Telefon- oder Online-Konferenzen gebucht werden können. Insgesamt sind hier 31 Arbeitsplätze mit je einer Tischleuchte ausgestattet.

  • Der indirekte Lichtaustritt der Leuchten stellt die Allgemeinbeleuchtung für den Raum bereit und ist für alle Leuchten mit synchronem Farbtemperaturverlauf in zwei Gruppen mit vollautomatischer Anwesenheitserfassunggesteuert.

  • Der tageszeitliche Verlauf der Lichtfarbe unterstützt durch seine circadiane Wirksamkeit den natürlichen Biorhythmus.

  • Die Allgemeinbeleuchtung ist je Leuchte tageslichtabhängig geregelt.

  • Der Direktanteil ist mit Bedientastern am Fuß der Leuchte einstellbar.

  • Die zur Leuchte gehörige Smartphone-App ermöglicht die „Mitnahme” individueller Beleuchtungseinstellungen an jeden beliebigen Arbeitsplatz.

Im Durchgangsbereich und dem Besprechungsbereich wird die Allgemeinbeleuchtung durch ebenfalls circadian gesteuerte Hängeleuchten ergänzt.

Büroraumarten

Abbildung 3.99:

Büroraumarten

1. Zellenbüro,
2. Gruppenbüro,
3. Kombibüro,
4. Großraumbüro

Grundsätzlich lassen sich die Büroraumarten in vier Grundtypen unterscheiden:

Das Zellenbüro hat eine Grundfläche von etwa 10 m2 bis 50 m2 und eine Raumtiefe bis zu 5,5 m. Es ist für ein bis zwei Personen vorgesehen. Die Arbeitsbereiche und Bereiche der Sehaufgabe sind innerhalb von Verwaltungsgebäuden in der Regel nahe am Fenster angeordnet und ausreichend mit Tageslicht und zeitweiser künstlicher Beleuchtung versorgt. Klassisch ist eine Anordnung von Leuchtenreihen parallel zur Fensterfront. In Produktionsstätten sind solche Bürobereiche häufig durch Stellwände von den allgemeinen Produktionsbereichen getrennt und ggf. nach oben mit einer Zwischendecke geschlossen. Einzelne Bildschirm-Arbeitsplätze befinden sich auch in der Halle.

Das Gruppenbüro hat eine Grundfläche von 50 m2 bis 300 m2, in dem bis zu 25 Personen Platz finden. Die Raumtiefe kann bis zu 18 m betragen, weswegen die Räume meist klimatisiert und nur in den fensternahen Zonen natürlich belichtet sind. Die Innenzonen sind bei einseitig angeordneten Fenstern ständig künstlich beleuchtet. Die raumbezogene künstliche Beleuchtung muss eine flexible Anordnung der Arbeitsbereiche (Schreibtischgruppen) im Raum ermöglichen. Flexible und ortsveränderliche Beleuchtungssysteme – eventuell zusätzlich zu einer raumorientierten Grundbeleuchtung – sind von Vorteil (siehe auch Abschnitt „Beleuchtungskonzepte''). Gruppenbüros mit geringer Raumtiefe können hinsichtlich Beleuchtung wie aneinander gereihte Zellenbüros betrachtet werden.

Das Kombibüro besteht aus den durch raumhohe Wände abgetrennten Ein-Personen-Büroräumen an der Fensterfront und dem meist innen liegenden Gemeinschaftsraum, in dem durch Stellwände und Möbel abgetrennte Besprechungs- und Aufenthaltszonen sowie Bürogeräte und Aktenarchive angeordnet sind. Die Einzelbüros haben eine Grundfläche von bis zu 12 m2, eine Raumtiefe bis 5 m und eine Raumbreite bis 3 m. Sie sind meist natürlich belüftet und belichtet, zeitweise mit künstlicher Beleuchtung versehen. Der Gruppenraum ist meist klimatisiert und ständig künstlich beleuchtet – je nach Bereich auch mit unterschiedlichem Beleuchtungsniveau. Die Installationen für die Elektro- und Kommunikationstechnik der Einzelbüros befindet sich in Fensterkanälen, die des Gruppenraumes in Unterbodenkanälen.

Das Großraumbüro – in den 1960ern als moderne Bürolandschaft entwickelt – scheint eine Renaissance zu erleben. Zwar fehlt ihm die Privatheit der Arbeitsbereiche des Kombibüros, aber die Flexibilität wie die eines Gruppenbüros und die Vorteile des Gemeinschaftsraumes des Typs Kombibüro werden geschätzt. Mittelhohe Stellwände und Schränke verwandeln die Grundfläche von 400 m2 bis 1 200 m2 in flexible Arbeitsbereiche für bis zu 100 Personen. Vollklimatisierung und dauernde künstliche Beleuchtung der Innenbereiche sowie Installationskanäle im Unterboden bzw. in der abgehängten Decke sind weitere typische Merkmale des Großraumbüros. Die künstliche Beleuchtung ist meist entweder eine raumbezogene oder eine bereichsbezogene Beleuchtung, die durch Einzelplatzleuchten ergänzt werden kann (siehe auch  Abschnitt „Beleuchtungskonzepte''). Damit wird die nötige Flexibilität der Anordnung der Arbeitsbereiche sichergestellt.

In Bereichen, die am Tage nicht mit ausreichend natürlichem Tageslicht versorgt sind, ist es sinnvoll, den Tagesrhythmus der inneren Uhr durch eine melanopisch wirksame Beleuchtung zu unterstützen (siehe auch  Absatz „Beleuchtungskonzepte”).

Beleuchtungskonzepte

(a) Raumbezogene Beleuchtung

(b) Arbeitsbereichsbezogene Beleuchtung mit stationärem Leuchtensystem

(c) Arbeitsbereichsbezogene mit mobilen Standleuchten

d) Individualisierte Beleuchtung mit Tischleuchte

Abbildung 3.100: Beleuchtungskonzepte für das Büro

In Büroräumen können - abhängig von der Größe, den spezifischen Sehaufgaben und weiteren Aspekten - unterschiedliche Beleuchtungskonzepte umgesetzt werden. In Abbildung sind diese beispielhaft dargestellt.

Die raumbezogene Beleuchtung (Abbildung a) ist eine gleichmäßige Beleuchtung des Raumes (Allgemeinbeleuchtung). Sie ist anzuwenden, wenn an allen Stellen etwa gleich gute Sehbedingungen vorliegen sollen, wenn die Arbeitsbereiche und deren räumliche Ausdehnung zum Zeitpunkt der Planung nicht bekannt sind und wenn eine flexible Anordnung der Bildschirmarbeitsplätze erwünscht ist.

Die arbeitsbereichsbezogene Beleuchtung ist die Beleuchtung einzelner oder räumlich zusammenhängender Arbeitsplätze und deren unmittelbare Umgebung (siehe auch Kapitel „Umgebungsbereiche”). Die Planung einer solchen Beleuchtung mit stationären Leuchten erfordert die Kenntnis über die genaue Position der Arbeitsplätze bzw. der Arbeitsbereiche (Abbildung b). Alternativ kann die Verwendung mobiler Beleuchtungssysteme erfolgen (Abbildung c). Die arbeitsbereichsbezogene Beleuchtung empfiehlt sich insbesondere in Räumen mit Arbeitsplätzen unterschiedlicher Seh- und Beleuchtungsanforderungen. Sie ist ebenfalls geeignet, um durch unterschiedliche Helligkeitsniveaus „Arbeitsinseln” zu schaffen und dadurch die visuelle Atmosphäre des Raumes positiv zu beeinflussen.

Insbesondere in Büros, die als Coworking Spaces betrieben werden (siehe oben), unterstützt sie eine räumliche Struktur voneinander abgesetzter Nutzungsbereiche. Moderne Lichtsteuerungssysteme, z. B. mit intuitiver Bedienung per Smartphone App, erhöhen zusätzlich die Individualität und damit die Akzeptanz durch den Nutzer (Abbildung d).

Die teilflächenbezogene Beleuchtung ist eine Beleuchtung, mit der ein einzelner Bereich der Sehaufgabe gesondert beleuchtet werden kann und damit lokal die Erfüllung erhöhter Anforderungen ermöglicht. Es wird hierzu eine Teilfläche zusätzlich zur allgemeinen Beleuchtung, die arbeitsbereichsbezogen oder raumbezogen sein kann, z. B. durch eine Arbeitsplatzleuchte beleuchtet, die Lesen und Schreiben auf horizontalen Sehaufgaben mit erhöhter Beleuchtungsstärke ermöglichen soll.

Die teilflächenbezogene Beleuchtung kann angewendet werden, wenn die Beleuchtung einzelner Bereiche an unterschiedliche Tätigkeiten und Arbeitsmittel, an besonders schwierige Sehaufgaben oder an das individuelle Sehvermögen des Nutzers (z. B. eines älteren Menschen) bzw. an individuelle, unterschiedliche Beleuchtungsbedingungen angepasst werden soll. Bei mobilen Beleuchtungssystemen kann dieses Beleuchtungskonzept auch angewendet werden, wenn die Anordnung der Arbeitsbereiche zum Zeitpunkt der Planung nicht bekannt ist.

Eine melanopisch wirksame Beleuchtung sollte unabhängig von der Anordnung der Leuchten in Erwägung gezogen werden. Sie ist ein wichtiger Bestandteil der Planung im Sinne des „Human Centric Lighting”. Das Ziel dabei ist eine ganzheitliche Berücksichtigung der Wirkung der künstlichen Beleuchtung. Die Betrachtung reicht insbesondere über die lichttechnische Erfüllung der Sehaufgabe hinaus. Die Unterstützung der inneren Uhr durch einen circadianen Tagesverlauf des Lichtspektrums (siehe Abbildung) ist ein zentraler Aspekt dieses Konzeptes (siehe auch Kapitel „Melanopische Wirksamkeit des Lichtes”).

Abbildung 3.101:

An das Tageslicht angepasster Verlauf der Farbtemperatur der künstlichen Beleuchtung in einem Großraumbüro